Die Angst vor Inflation hat am Donnerstag insbesondere die US-Technologieaktien in die Tiefe gerissen. Aber auch Standardwerte mussten kräftige Einbußen hinnehmen. Auslöser der scharfen Abwärtsbewegung war der rasante Renditeanstieg bei festverzinslichen Wertpapieren.

Wenn es hohe Zinsen gibt, haben Anleger weniger Gründe Ihr Geld in Aktien anzulegen. Verständlich, denn wenn Sie zum Beispiel 5 Prozent auf ein Festgeld erhalten würden, würden Sie keine allzu großen Gedanken an den Kauf von Aktien verschwenden. Nun sind wir in Europa und insbesondere in Deutschland weit davon entfernt, über Kapitalerträge aus Zinsen zu sprechen. Die Rendite der zehnjährigen deutschen Staatsanleihe liegt aktuell bei – 0,20 Prozent pro Jahr. Dies bedeutet, Sie erhalten nach 10 Jahren um insgesamt 2 Prozent weniger Kapital zurück, als Sie investieren.

In den USA stieg die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihen gestern auf 1,5 Prozent. Anleger erwirtschaften beim Halten des Papiers über 10 Jahre insofern 15 Prozent Ertrag. 10-jährige Staatsanleihen notierten am 01.07.2020 noch bei 0,5 %, zum Jahreswechsel bei 1,0 % und aktuell bei 1,5.  Der Anstieg der Renditen verlief insbesondere in den letzten Tagen sehr rasant.

Momentum – Werte wie Technologieaktien leiden unter dieser Entwicklung,  da sich dadurch ihre Finanzierungskosten erhöhen. Zudem waren Tech-Aktien in den vergangenen Monaten überdurchschnittlich stark gestiegen, nun machten Anleger in verstärktem Maße Kasse. So verlor die Technologiebörse Nasdaq allein gestern um über 3,5 Prozent. Es war der größte prozentuale Tagesverlust seit Oktober letzten Jahres. Aktuell notiert die Nasdaq um 1.000 Punkte oder rund 10 Prozent unter den historischen Höchstständen von Mitte Februar.

Inflation bringt steigende Zinsen

Mit Milliarden-Paketen versuchen Notenbanken und Staaten der Wirtschaft gegen die Folgen der Corona-Krise zu helfen. Die Geldmenge steigt massiv an. Eine steigende Geldmenge ist oft ein Hinweis auf eine nahende Inflation.

Investoren seien mehr und mehr überzeugt, dass die Inflation zunehme und die Notenbank zu einer Straffung ihrer Geldpolitik veranlasse. Die Straffung der Geldpolitik bedeutet, dass die Notenbanken von ihrem bisherigen Kurs der niedrigen Zinsen abweichen, und die Leitzinsen sukzessive erhöhen. Diese Maßnahme wirkt dämpfend auf die Preise und verlangsamt das Wirtschaftswachstum.

Bevor die Notenbanken diesen Schritt jedoch faktisch gehen, spiegelt der Markt in Form von hoher Nachfrage nach Anleihen dieses Szenario bereits wieder. Die Kapitalmärkte sind quasi den Notenbanken einen Schritt voraus.

Augen auf!

Wie einleitend bereits erläutert, sind steigende Renditen bei Anleihen keine guten Nachrichten für Aktionäre, insbesondere dann, wenn der Renditeanstieg in einem sehr kurzen Zeitraum erfolgt. Für Sie als Privatkunde spielt es sicher keine große Rolle, ob Sie eine zehnjährige Anleihe mit 0,5 % oder mit 1,5 % Rendite pro Jahr erwerben. Für das große Kapital geht es hier um Milliardenbeträge. So werden und wurden in den letzten Tagen eben vorher besonders stark gestiegene Aktien nun abverkauft und das Geld in den sicheren „Hafen“ der Staatspapiere umgeschichtet. Es bleibt nun abzuwarten, ob die Notenbank den Marktentwicklungen mit Ihren Entscheidungen folgen wird oder korrigierend auf den Anstieg der Renditen Einfluss nehmen wird.

Rückkehr zur „Normalität“

Auch wenn die Aktienkurse nun doch etwas deutlicher korrigieren könnten, so sind die aktuellen Entwicklungen ein gutes Beispiel für eine Rückkehr zu einer gewissen Normalität. Das oberste Ziel der Notenbanken ist die Preisniveaustabilität. Dies bedeutet die Konstanz des Preisindexes eines Güterbündels, das in einer Volkswirtschaft produziert bzw. konsumiert wird. Stabile Preise liefern den Produzenten und Konsumenten das Fundament für eine ordentliche Kalkulation. Gerät die Preisstabilität aus dem Ruder, so sprechen wir von Inflation oder Deflation. Bei inflationären Entwicklungen steigen die Preise für Waren und Dienstleistungen, Deflation bewirkt das Gegenteil. Der Zins als korrigierendes Element ist damit die wichtigste Grundlage im Zusammenspiel des täglichen weltweiten wirtschaftlichen Handelns. Die Notenbanken haben damit das wichtigste Instrument zur Stabilität unseres Wirtschaftssystems in der Hand.

Hat man sich in den letzten Tagen, Wochen und Monaten fast täglich gefragt, ob alte „Bewertungsmaßstäbe“ und Mechanismen an den Kapitalmärkten tatsächlich noch funktionieren, so sieht man an der Entwicklung dieser Tage, dass das Gott sei dank noch so ist.

Die Renditen steigen bei Anleihen, die Aktien fallen!

Wie geht es weiter?

Seit dem Corona – Tiefpunkt an den Börsen vom 17.03.2020 kannten Aktien nur eine Richtung – nach oben! Der Dax notierte damals bei 9.000 Punkten und gestern bei 13.900 Punkten. Die Technologiebörse Nasdaq notierte bei 7.000 Punkten und gestern bei 12.800 Punkten. Im Dow Jones sind wir von 20.000 Punkten auf 31.000 Punkte geklettert und beim S&P 500 notieren wir per gestern bei 3.800 Punkten und damit weit vom März-Tief bei 2.200 Punkten aus 2020 entfernt.

Wir gehen nicht von einem anhaltend aggressiven Zinsanstieg aus. Auch wenn der Inflationsdruck wächst, so bleiben wir für die nächsten Jahre positiv für Aktien. Bewegung am Markt kommt immer dann zustande, wenn sich das Verhältnis der Anlageklassen zueinander in kurzer Zeit verändert. Dies geschieht aktuell durch den kurzfristig starken Anstieg der Renditen bei festverzinslichen Wertpapieren.

Wie schon in den letzten Wochen und Monaten glauben wir jedoch, dass es zu einer Umschichtung von Technologieaktien in andere Sektoren kommen kann. Auch wenn viele Unternehmen im Tech-Sektor ihre hohen Kurse mit hervorragenden Geschäftszahlen belegen und positive Zukunftsaussichten mit sich bringen, so tut Abkühlung an der ein oder anderen Stelle sicher gut und bringt den Markt insgesamt wieder auf ein vernünftigeres Niveau.

Halten Sie Ihr Geld bereit!

Sollten Sie freie liquide Mittel haben, so sehen wir in den kommenden Wochen vermutlich günstige Einstiegskurse. Sprechen Sie mit uns über die aktuelle Marktsituation und halten Sie Ihr Geld bereit für Zukäufe ein schlechten Börsentagen.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Martin Eberhard